Review: Lisbeth Scott: Dove
Juni 3, 2010 in CD-Kritiken
Lisbeth Scott: Dove
Wäre Keiko Matsui Sängerin, würde sie singen wie Lisbeth Scott. Wie? Sie kennen Lisbeth Scott nicht? Jetzt lügen Sie mal nicht! Schließlich haben Sie Lisbeth Scott schon viele Male gehört. Immer noch abstreiten? Haben sie in letzter Zeit mal Shrek gesehen? Oder Spielbergs Munich? Oder die Passion Christi von Gibson? Oder die Chroniken von Narnia von Adamson? Oder die HBO-Serie True Blood? Für all diese Film- und Fernsehproduktionen (und viele mehr) hat Lisbeth Scott Texte, Musik und Gesang beigesteuert. Und so ganz nebenbei macht sie auch selbst erlesene Musik.
Ihr Album “Dove” aus dem Jahr 2002 scheint fast vom Einfluss von Harry Gregson-Williams, dem Komponisten des Soundtracks der Narnia-Filme von Andrew Adamson (sowie Shrek, vieler weiterer Filme und Videospiele) zu profitieren – wenn der nicht erst 2005 erschienen wäre. Doch first things first …
Lisbeth Scott ist in erster Linie Sängerin. und zwar eine besondere. Ihrem Gesang wohnt eine Art von Spiritualität inne, die nicht süßlich-kitschig wie bei Deva Premal ist, sondern sinnlich, ehrlich und fast wie ein erlesener Geschmack auf der Zunge zergeht.
Zwar mag sie technisch nicht über eine überragende Stimme verfügen, aber dafür weiß sie, wie sie das Instrument Stimme, das ihr geschenkt wurde, bestmöglich einsetzt. Niemals überschätzt sie sich, niemals stellt sie ihr Talent unter den Scheffel. und Talent hat sie, nicht nur als Sängerin.
“Dove” lebt vor allem von Texten, die eigentlich pure Lyrik sind, reine Poesie. thematisch beschäftigt sie sich sehr mit den ewigen Themen Lust und Liebe, Verlieren und Gewinnen, Leben und Sterben, die üblichen Verdächtigen aus dem Repertoire jedes Songwriters eben. Doch im Gegensatz zu musikalisch durchaus vergleichbaren Kolleginnen wie Tori Amos, Sarah McLachlan, Sophie B. Hawkins oder Kate Markowitz scheinen mir Scotts Texte immer einen Tick besser, well-crafted, könnte man sagen. Sie ist vielleicht ein Wordsmith, eine weibliche David Olney.
Musikalisch präsentiert Scott ihre Texte in einer Mischung aus Ethno-New-Age-Jazz-Pop-Folk-Electro, nie experimentell um des Experiments wegen, nie kitschig um der Rührung wegen (siehe McLachlan), nie Ethno um der billigen Effekthascherei wegen (siehe Enya). die Auswahl der Instrumente ist dabei nicht allzu ungewöhnlich: viel Klavier (fast immer von Scott selbst gespielt), viel Gitarre und Perkussion, eingerahmt von einem oft dichten Streicherpalast, verziert mit produktionstechnischen Diamonds, Vocal-Effects, Reverbs und dergleichen. Dabei begeht sie nicht den Fehler, sich überzuproduzieren – “Dove” ist eine Eigenproduktion Scotts, und eine gelungene.
Die Produktion scheint sehr von Harry Gregson-Williams Produktionsstil für den Soundtrack zum ersten Narnia-Film beeinflusst zu sein (insbesondere beim anhören von “Evacuating London” aus dem Soundtrack kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren), seltsam, dass “Dove” drei Jahre älter ist als der Film, und das ist weder ungewöhnlich (schließlich hat Scott die Vocals für den Soundtrack gesungen und mit Gregson-Williams auch den Song “Where” dafür geschrieben, sowie weitere Kooperationen mit Gregson-Williams gemacht) noch schlecht, eher im Gegenteil.
Kurz: Lisbeth Scott präsentiert mit “Dove” eine sinnliche, auf eine überraschend positive weise spirituelle Musik-Lyrik Kombination, gesungen mit einer abwechslungsreichen und effektvollen stimme, im gewande eines New-Age Stils, der Fans von Kate Markowitz, Sarah McLachlan, Loreena McKennitt oder sogar Katja Werker gefallen sollte. Wer an dieser CD etwas “fahrstuhlmusikartiges” findet, hat Scotts Sinn für Poesie und Kunst im Text nicht verstanden.
5 von 5 Sternen.
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