Anne Heaton: Give In
Anne Heaton ist in erster Linie Sängerin und Pianistin. Ihre Songs – man könnte es am ehesten mit dem schwammigen Begriff “Adult Alternative” oder “Contemporary Folk” umschreiben – strotzen nur so vor guten Einfällen, exquisiten Melodien, Harmonien und einem bestechenden Klavier. Was ihre Songs aber wirklich unverwechselbar macht, sind ihre Vocal Harmonies, die sie immer selbst singt. Und auf ihrem Album “Give In” glänzt sie in dieser Hinsicht ganz besonders.
Die CD kommt als Papersleeve mit Text, das leider nicht besonders gut produziert wurde (Kleber-Unebenheiten). Umso großartiger ist aber die Musik, die darin steckt.
Als Musiker hören wir neben Anne Heaton an Stimme, Klavier, Hammond, Wurlitzer, Chamberlin, Farfisa und Keys noch Frank Marotta Jr (Gesang, alle akustischen und elektrischen Gitarren) Joe McMahon (Bass), Matt Tahaney (Bass), Fred Eltringham (Drums und Percussion).
Song 1: Give In To You
Als Markenzeichen für Anne Heaton darf getrost ihr Klavier gelten, mit dem die CD auch anfängt. Give in to you ist ein simpler Song in der Tradition des Sommer-Sonntag-Guten-Morgen-Songs, nichts besonders vielleicht, aber charmanter als eine Natalie Imbruglia. Wie eine “poppigere” Patti Witten baut Heaton ihre Akkord-Wechsel auf, und schon auf dem ersten Stück der CD beweist sie, was Anne Heaton mit ihrer Stimme machen kann – sowohl als Lead als auch als Chor.
Song 2: Make You Sad
Obwohl der Song angeblich zur Winterzeit spielt … klingt er nicht so, ganz im Gegenteil. Und im Gegensatz zum Titel klingt der Song so fröhlich wie Shawn Colvins “Nothing on me”. Auffällig ist, dass – selbst wenn Anne Heaton über die ausgelutschtesten Dinge singt, nämlich Liebe und brechende Herzen – dass ihre Texte vor “komischen” Wörtern nur so strotzen (oder wo haben Sie zuletzt Wörter wie “consolation” oder “commiserate” in einem Song gehört?).
Song 3: The Line
Jetzt gehts so richtig los. The Line ist einer der besten Songs, die ich kenne, und besticht durch geradezu genial “gezauberte” Vocal Arrangements. Leider ist es bei Anne Heaton nicht einfach, ihre Texte zu verstehen, weil sie die Tendenz hat, die Wörter “kurios” auszusprechen und zu “vernuscheln”, immerhin aber tut das dem mitreißenden und energiegeladenen Song hier keinen Abbruch. Hier entwickelt Heaton eine Klasse für sich, lässt sich kaum noch mit Contemporary Folk Stars wie Colvin vergleichen (selbst John Leventhal könnte so etwas nicht produzieren).
Song 4: Your Heart
Nach dieser Aufregung gönnt Heaton uns eine kleine Entspannungspause und versüßt uns diese mit diesem ruhigen Song, der – aber nur scheinbar – so vor sich hin plätschert. Als Kontrast zum ausdrucksstarken Gesang von The Line hält sie sich hier sehr zurück und versucht sich in Intimität – was ihr auch großartig gelingt. An diesem Song hört man auch deutlich, dass ihre Aussprache (die nicht immer die beste zu sein scheint) sehr vom Kontext des Songs abhängt, und der Scheindialekt nichts weiter ist als ein Kunstgriff, mit dem Sie “erzählt”, worum es im Song geht. Your Heart enthält ein exquisites Gitarren-E-Piano-Solo und natürlich wieder die typischen Heaton-Vocal-Harmonies, die sie so unverwechselbar machen.
Song 5: Underdog
Schon wieder frischer und fröhlicher gehts beim nächsten Song zu. Fred Eltringhams stark an Shawn Pelton erinnernde Drums stehen hier endlich etwas mehr im Vordergrund, was er sich auch durchaus verdient hat. Der Song ist ein gutes Beispiel für zum einen intelligente Texte von Heaton, andererseits aber auch für ihre “vernuschelte” Aussprache, die es oft schwer macht, ihre Texte auf Anhieb zu verstehen. Dennoch begeistert Heaton treffsicher mit großartigen Vokal-Arrangements und einer beeindruckend dynamischen Bridge (wie so wenige Silben sich nur nach so viel anhören können …).
Song 6: Counting
Ist es das, was man Hilly-Billy nennt? Oder geht das schon in die Richtung Bluegrass? Gerade so als würde sie in einem Lagenrock mit Rüschen, Löckchen im Haar und einem weißen Schirmchen einen Auftritt in einem texanischen Kuh-Kaff hinlegen klingt Heaton hier – frech-fröhlich, augenzwinkernd und … kurz.
Song 8: Hey New York
Na Gott sei dank hat es diese Live-Aufnahme auf das Album geschafft. Kaum musste ich bei einem Stück Musik so lachen wie hier. Anne (vermutlich am Klavier) spricht in ihrer Einleitung zu dem Song von Leuten in Chicago und New York, von Uhren und Unhöflichkeiten, von U-Bahnen und so Zeug (was schon “urkomisch” ist). Der Song könnte zwar als Liebeserklärung an New York verstanden werden, ist aber wohl doch eher eine augenzwinkernde “Watsche” ins Gesicht. Genau auf den Text zu hören zahlt sich hier besonders aus – hier Sie werden gelacht!
Fazit:
Anne Heaton ist ein echtes Sternchen. Sie ist nicht nur schön, sie macht auch schöne Musik, glänzt mit großartigen (ich weiß, ich wiederhole mich, aber es ist nun mal so) Vocal-Arrangements und Klavier.
4 von 5 Sternen für die Songs, 5 Sterne für musikalische Genialität.
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